„Operative Mitarbeiter müssen digitale Technologien als Partner betrachten“: Interview mit Bernd Hausler (ifm)

Die Befürchtung, dass die Technologie mit zunehmender Entwicklung den Arbeitsplatz des Frontline Workers beschneidet, ist verbreitet. Wenn sich jedoch das Anforderungsprofil operativer Mitarbeiter in den kommenden Dekaden mehr in Richtung konzeptionellen Tätigkeiten verschiebt, ist diese Angst unbegründet.

Bernd Hausler, Managing Director bei der ifm, dem führenden Anbieter für innovative Automatisierungstechnik, vertritt im Interview mit CEO und Co-Founder Benjamin Brockmann die klare Ansicht: „Der Mensch wird für mich auch in Zukunft der Mittelpunkt in der Produktion bleiben."

6 Minuten Lesezeit

Worum es im Interview geht

Wie sieht die Rolle des Frontline Workers in den kommenden 10 Jahren aus und vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen hierbei? Diese und viele weitere Fragen diskutiert Benjamin Brockmann, CEO und Co-Founder von Operations1, mit Bernd Hausler.

Hausler ist Managing Director bei der ifm-Unternehmensgruppe, einem bedeutenden und weltweit aktiven Zulieferer von Systemen und Komponenten der Automatisierungstechnik für Industrieunternehmen. Er ist überzeugt, dass die digitale Fabrik den Menschen nicht in den Hintergrund stellt, sondern ihn zukünftig noch viel mehr mit der Analyse wichtiger Daten und Zusammenhänge bei Entscheidungen unterstützt. 

Ein neues Rollenbild wird den Shopfloor verändern

Im folgenden in deutscher Sprache transkribierten Interview-Auszug aus dem Operations1-Podcast geht es um den Zusammenhang zwischen digitalem Fortschritt und einer innovativen Unternehmenskultur, die den Einzelnen nie aus dem Blickfeld verliert. Das Kernstück des Interview-Auszugs ist die Frage, wie sich die Rolle des operativen Mitarbeiters angesichts fortschreitender Digitalisierung in den kommenden Jahren verändert und wie Unternehmen darauf am besten reagieren. Das komplette Interview können Sie im Future Proof Operations-Podcast nachhören.

Bernd, Industrie 4.0 war in den letzten Jahrzehnten das Thema schlechthin in der Fertigungsindustrie. Ist das noch immer so oder sind wir mittlerweile schon ganz woanders?

Der Slogan „Industrie 4.0“ ist ein natürlich ein sehr zugkräftiger Marketing-Claim. Konkret ist damit in erster Linie die digitale Optimierung gemeint. Und dahinter steht für ifm die Fortsetzung einer digitalen Reise, die wir mittels Lean Management schon vor Jahren erfolgreich begonnen haben. Damit wir im internationalen Wettbewerb aber auch künftig bestehen können, brauchen wir einfallsreiche digitale Tools. Das gilt insbesondere im Konkurrenzkampf mit den osteuropäischen Ländern und mit Asien. Um auch zukünftig deren Kosteneffektivität zu erreichen, braucht es kreative Lösungen. Daher ist Industrie 4.0 für mich persönlich heute relevanter denn je.

2020 wurdet ihr von den „Fabrik des Jahres“, die zu den renommiertesten Industrie-Wettbewerben in Europa zählt, in der Kategorie Standortsicherung durch Digitalisierung ausgezeichnet. Was bedeutet dir dieser Preis und warum bist du darauf besonders stolz?

Zunächst einmal war es ungemein wertstiftend, dass das eigene Daily Business durch das Audit-Team von Kearney von außen einer Bewertung unterzogen wurde. Diese Außenperspektive ist ungemein wichtig und hilfreich, denn sie öffnet den Horizont in einer Weise, wie es eine Innenperspektive niemals kann. Darüber hinaus war es für uns sehr wichtig, das Feedback zu erhalten, dass wir für die Zukunft optimal aufgestellt sind. Und zu guter Letzt war es natürlich für unsere Angestellten eine sehr bereichernde Erfahrung, zu sehen, dass ihre Arbeit von einer unparteiischen Institution wertgeschätzt wurde und sie gespiegelt bekamen, dass wir alle zusammen an den richtigen Themen arbeiten. Wenn man die Unternehmenskultur kontinuierlich verbessern möchte, reicht es meiner Meinung nach nicht aus, ausschließlich intern wertschätzendes Feedback zu geben. Auch die Perspektive einer Wertschätzung von außen ist eine wichtige Basis für Zufriedenheit.

Was sind diese „richtigen Themen“, wie du es nennst, an denen ihr arbeitet?

Allen voran die Arbeit mit Lean als Basis einer kontinuierlichen Verbesserung der technischen Abläufe und als Fundament der digitalen Fabrik. Darüber hinaus verfolgen wir das Ziel, gegenüber unseren Schwesterkonzernen in der ifm-Gruppe wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist vor allem deswegen so wichtig, weil wir unseren Mitarbeitern am Stammsitz hier in Tettnang auch zukünftig einen sicheren Arbeitsplatz garantieren möchten.

Digitale Technologien sollten nicht zur Überwachung eingesetzt werden

Kannst du uns ein konkretes Beispiel geben, wie Lean Tools auf eure Digitalisierungsstrategie einzahlen?

Ein gutes Beispiel ist unser Werkerassistenzsystem „ifm mate“, das Wissen schnell verfügbar macht und zuverlässige Unterstützung bei einzelnen Arbeitsschritten bietet. Unsere Mitarbeiter nutzen es bevorzugt bei Kleinserien, die nur für einen kurzen Zeitraum im Jahr produziert werden. Da ist es nur verständlich, wenn ein Handgriff nicht mehr 100 Prozent in Erinnerung ist. Eine solche technologische Unterstützung leistet dann eine enorme Hilfe und bietet zugleich Sicherheit. Deswegen ist ein intelligenter Arbeitsplatz auch zukünftig so entscheidend. Das Wichtige dabei ist allerdings, dass digitale Tools von den operativen Mitarbeitern nicht als Kontrollinstanzen missverstanden werden. Diese Haltung muss von der Unternehmensführung klar vorgelebt werden.

Damit sprichst du ein zentrales Thema im Zusammenhang mit digitalen Tools an: Den schmalen Grad zwischen Kontrolle und Überwachung einerseits und Unterstützung und Hilfestellung auf der anderen Seite.

Exakt. Denn wenn digitale Technologien mit dem Ziel einer Kontrolle und Überwachung der Arbeitsleistung eingesetzt werden, wird die Belegschaft sie nicht anerkennen. Das ist für uns eine ganz klare Linie, von der wir auch zukünftig nicht abweichen werden. Mit ihr haben wir auch signifikante Erfolge erzielt, denn es hat sich gezeigt, dass digitale Tools, wenn sie als eine Hilfe eingesetzt und von den Mitarbeitern auch so verstanden werden, auch genau diesen Effekt haben. Es geht nicht um eine Überwachung der Produktivität oder anderer Kennzahlen. Wenn die Belegschaft überzeugt ist von der Wichtigkeit und Relevanz der eigenen Arbeit und ihr das richtige Umfeld geboten wird, wird sie auch gewinnbringend arbeiten und genau in dem richtigen Maße produzieren, damit das Unternehmen wettbewerbsfähig bleibt. Diese Erfahrung habe ich in der Vergangenheit konstant gemacht.

Der Grad zwischen Kontrolle und Hilfestellung bei digitalen Technologien ist schmal.

Bernd Hausler Managing Director bei der ifm

Gestaltungsfreiräume sind wichtig

Wenn wir darauf aufbauend einmal näher auf den Werker schauen, gerne auch am Beispiel von ifm: Welche Rolle spielt er aktuell und welche wird er in den kommenden 10 Jahren in einer digitalisierten Produktion spielen?

Zunächst einmal ist es wichtig, etwas zur Unternehmenskultur zu sagen, weil die Rolle des Frontline Workers hierauf aufbaut: Die Säule der Unternehmenskultur bei ifm ist einerseits, dass wir unseren Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, sich mit dem Unternehmen optimal zu identifizieren, zum anderen, dass wir ihnen große Gestaltungsfreiräume bieten.

Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?

Die Unternehmenskultur der ifm-Familie lebt wesentlich von weltweit einheitlichen Standards. Das bedeutet zum Beispiel, dass egal, in welchem unserer Werke unsere Mitarbeiter sich aufhalten, die Umgebung optisch immer gleich aussieht, erkennbar an unseren Werkbänken, die in orange-schwarz gehalten sind. Das führt dazu, dass ein Fremdheitsgefühl gar nicht erst aufkommt, weil man sich an allen Standorten direkt zu Hause fühlen und an Bekanntes andocken kann. Charakteristisch für unser „orange blood“, wie ich es nenne, ist darüber hinaus, dass jeder unserer Mitarbeiter in seiner persönlichen Entfaltung unterstützt wird und das Gefühl bekommt, ein wertvolles und unersetzliches Mitglied des Unternehmens zu sein. Wer zum Beispiel als Fertigungsmitarbeiter startet, an seinem Job Freude hat und sich weiterentwickeln möchte, kann sich bis zur Entwicklungsabteilung hin hocharbeiten. Kreativität und Freude an der Innovation werden bei uns also ganz groß geschrieben. Diese Weiterentwicklungsmöglichkeiten sind in dieser Form einmalig und machen das Arbeiten bei ifm so besonders. Was nun die Rolle des Werkers anbelangt, so es ist meiner Erfahrung nach ganz entscheidend, dass der Mensch dabei immer im Fokus bleibt. Er war und ist für mich der Mittelpunkt in der Produktion. Die digitale Fabrik stellt ihn deswegen auch nicht in den Hintergrund, sondern unterstützt ihn vielmehr mit der Analyse wichtiger Daten und Zusammenhänge bei Entscheidungen.

Der Mensch wird für mich auch in Zukunft der Mittelpunkt in der Produktion bleiben.

Bernd Hausler Managing Director bei der ifm

Der Frontline-Worker der Zukunft

Denkst du, dass es in den kommenden Jahren zu einer Verschiebung kommen wird? Welche Rolle wird der operative Mitarbeiter spielen, wenn die Technik noch viel ausgeklügelter ist, als heute?

Entscheidend für den operativen Mitarbeiter der Zukunft wird sein, dass er ein technisches Verständnis mitbringt und bereit ist, dieses konstant weiterzuentwickeln. Die komplexen Datenmengen, die von den digitalen Tools geliefert werden, haben heute häufig noch den Anflug von etwas Mystischem, weil der Mitarbeiter nicht sehen kann, welche Prozesse ganz konkret dahinter stehen. Das muss sich zukünftig ändern und operative Mitarbeiter müssen in der Lage sein, fundiertes Feedback zu technologischen Prozessen zu geben und beurteilen können, welche digitale Tools smart sind und sie in ihrer täglichen Arbeit wirklich weiterbringen. Neben diesem technologischen Wissen und der Bereitschaft zum kontinuierlichen Lernen muss sich das Verständnis der digitalen Tools ganz wesentlich ändern. Weg von der Angst, sie könnten den Arbeitsplatz des Werkers beschneiden oder gar unnötig machen, hin zu einer Unterstützung und Ergänzung der eigenen Arbeitsleistung. Operative Mitarbeiter müssen digitale Technologien zukünftig also viel mehr als Partner betrachten. Das ist ein ganz entscheidender Bewusstseinswandel, den Firmen in den kommenden Jahren meistern sollten, wenn sie zukunftsfähig bleiben und ihre Mitarbeiter bestmöglich unterstützen wollen.

Was ist deine Vision von der Fabrik der Zukunft? Wie wird sie in 10 Jahren aussehen?

Eine zunehmende Automatisierung einerseits und eine noch engere Verzahnung von Mensch und Maschine, die auf Augenhöhe angelegt ist, auf der anderen Seite. Das heißt, die digitalen Tools, die mich zu Hause schon ganz selbstverständlich in Form von Alexa & Co. umgeben und mir meinen Alltag erleichtern, umgeben mich auch auf der Arbeit. Konkret gesagt: Die Werkbank gibt mir Instruktionen und unterstützt mich ganz zielgerichtet in meiner täglichen Arbeit. Dadurch ist meine Arbeitsweise wesentlich effizienter, schneller und auch kostengünstiger bei gleichbleibend hoher Qualität.


Das komplette Interview können Sie in englischer Sprache in unserem Future Proof Operations-Podcast anhören.

Benjamin Brockmann

Co-Founder & CEO benjamin.brockmann@operations1.com

Benjamin Brockmann (M. Sc., Management & Technology) gründet 2017 gemeinsam mit Daniel Grobe (ebenfalls M. Sc., Management & Technology) die cioplenu GmbH. Die Software-Lösung entwickeln die Gründer auf Basis diverser Praxisprojekte, u. a. am Fraunhofer Institut, und aufgrund ihrer Erfahrungen in der Industrie, Wirtschaftsprüfung und Unternehmensberatung. Benjamin Brockmann war bereits für Unternehmen wie KPMG und Arthur D. Little tätig.

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