Die Liebherr-Verzahntechnik GmbH baut Großmaschinen für die Verzahnungsherstellung an sechs Produktionsstandorten weltweit, und ein großer Teil des Montagewissens dafür steckte über Jahrzehnte ausschließlich in den Köpfen erfahrener Monteure. Mit dem Ruhestand dieser Fachkräfte und der zunehmenden Internationalisierung wurde klar: Dieses Wissen muss gesichert und so vermittelt werden, dass jeder Standort die Maschinen gleich baut. Heute arbeitet Liebherr-Verzahntechnik mit mehrsprachigen digitalen Montageanweisungen, hat den Anlernaufwand um bis zu 70 % gesenkt und verlagert Produktlinien in einem Drittel der bisherigen Zeit.
Das Wichtigste in Kürze
Liebherr-Verzahntechnik GmbH, Maschinen- und Anlagenbau (Werkzeugmaschinen und Automation für die Verzahnungsherstellung)
Wissensmanagement und Anlernung in der Endmontage von Großmaschinen, standortübergreifend
Verlagerung einer Produktlinie in nur noch einem Jahr statt bisher bis zu drei Jahren (−66 % Zeitaufwand)
Bis zu 70 % weniger Aufwand bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter; ein Trainer betreut heute fünf Leiharbeiter gleichzeitig
50 % kürzere Einarbeitungszeit für chinesische Montagekollegen im Pilotprojekt, verglichen mit historischen Werten

Die Ausgangslage
Im Maschinenbau mit komplexen, variantenreichen Großmaschinen hängt die Qualität des Endprodukts stark an der Erfahrung einzelner Monteure. Bei Liebherr-Verzahntechnik galten Mitarbeiter und Spezialwissen deshalb schon immer als die wichtigsten Ressourcen des Unternehmens. Genau diese Ressource geriet unter Druck.
Mit dem Ruhestand erfahrener Fachkräfte drohte der Verlust von Montagewissen, das über Jahrzehnte aufgebaut worden war. Gleichzeitig ging die Zahl der Bewerber zurück, ebenso wie die Zahl der Mitarbeiter mit langer Betriebszugehörigkeit. Auch der Leiharbeitsmarkt blieb angespannt. Neue Kollegen wurden im Meister-Schüler-Prinzip angelernt, was mehrere Wochen dauerte und durch Sprachbarrieren zusätzlich erschwert wurde. Die Arbeitsprozesse selbst waren komplex und papierbasiert, während die Produktentwicklungszyklen immer kürzer wurden.
Die zweite Herausforderung ergab sich aus der internationalen Aufstellung. Vormontierte Baugruppen werden an Niederlassungen unter anderem in China, Indien, Brasilien und den USA geliefert, wo Montagemitarbeiter die Endmontage übernehmen. Unterschiedliche Arbeitsweisen und individuelle Erfahrungswerte führten zu Abweichungen in der Montagequalität zwischen den Standorten und bei externen Montagepartnern.
„Wir haben viele internationale Standorte und wahnsinnig viel Spezialwissen in den Köpfen unserer Mitarbeiter. Daher haben wir nach einer Lösung gesucht, um es sauber und für die Zukunft zu dokumentieren und dafür zu sorgen, dass jeder Standort die Maschinen gleich baut und die Qualität gleich bleibt", sagt Thomas Unmuth, Produktionsleiter bei der Liebherr-Verzahntechnik GmbH.
Bemerkenswert ist, was Liebherr-Verzahntechnik bei der Analyse feststellte: Fachkräftemangel, Lokalisierung neuer Standorte und die Einbindung externer Montagepartner stellen im Kern dieselben Anforderungen. Gesucht war eine Lösung, mit der die Produktion selbst ihre Arbeitsschritte dokumentieren kann, die mehrsprachig funktioniert, gleiche Arbeitsprozesse an jedem Standort sicherstellt und sich mit den vorhandenen Systemen verträgt. Und sie musste für alle Mitarbeiter bedienbar sein, unabhängig von deren Erfahrung mit Tablets oder PCs.

Der Weg zur Lösung
Nach intensiver Recherche entschied sich Liebherr-Verzahntechnik für Operations1. Ausschlaggebend waren die einfache Bedienbarkeit, die Mehrsprachigkeit und die bereits vorhandenen Grundfunktionen für das Dokumentenmanagement: Versionierung, Berechtigungen, ein Freigabeworkflow und eine modulare Dokumentenstruktur. Dazu kam die Flexibilität, Operations1 später an bestehende Systeme anzubinden.
„Operations1 punktet durch Einfachheit: Die Erstellung und die Arbeit mit digitalen mehrsprachigen Anleitungen geht schnell sowie einfach und jeder kann es machen", sagt Martina Waldmann aus dem Industrial Engineering bei Liebherr-Verzahntechnik.
Ein Pilot mit Anspruch: eine komplette Großmaschine
Statt mit einem kleinen Testfall zu beginnen, wählte das Team einen anspruchsvollen Pilot: die Dokumentation des Komplettaufbaus einer Großmaschine sowie eine Schulung für die Niederlassung in China. Das Projekt war bewusst Shopfloor-getrieben. Operations1 wurde zunächst im Stand-alone-Ansatz eingeführt, ohne Anbindung an weitere Systeme. Die interne IT von Liebherr wurde dadurch nur für die Einrichtung von Single-Sign-On (SSO) benötigt.
Dokumentiert von der Produktion für die Produktion
Weil das Wissen zur Endmontage nirgendwo niedergeschrieben war, übernahm ein langjähriger Montagemitarbeiter gemeinsam mit den Projektverantwortlichen die Erfassung. Er baute in Operations1 baugruppenspezifische Schritt-für-Schritt-Anweisungen mit Bildern auf. Über modulare Dokumente lassen sich die individuellen Unterschiede der Maschinen abbilden, ohne für jede Variante eine komplett neue Anleitung zu pflegen.
„Durch die Modularität können wir in Operations1 die individuellen Unterschiede unserer Maschinen perfekt mit variantenspezifischen digitalen Anweisungen darstellen und so leichter an die Mitarbeiter kommunizieren", erklärt Thomas Unmuth.
Anschließend wurde die Anleitung mit der integrierten KI-basierten Übersetzungsfunktion mit wenigen Klicks ins Chinesische übertragen.
Der Praxistest in China
Nach einer Einweisung in die Software, die nur wenige Minuten dauerte, arbeiteten die chinesischen Kollegen mit der Montageanweisung in ihrer Landessprache. Sie führten die Montageschritte eigenständig in der vordefinierten Prozessqualität durch und dokumentierten sie direkt in Operations1. Damit war der Beweis erbracht, dass sich Spezialwissen aus Kempten ohne Qualitätsverlust an einen internationalen Standort übertragen lässt.

Die Ergebnisse
66 % weniger Zeit für Linienverlagerungen: Die Verlagerung einer Produktlinie dauert heute ein Jahr statt bis zu drei Jahre, dank systematischer Dokumentation und intuitiver Wissensvermittlung.
50 % kürzere Einarbeitung schon im Pilotprojekt: Die chinesischen Montagekollegen, die in Deutschland geschult wurden, konnten dank Anweisungen auf Chinesisch schon während der Einarbeitung selbstständig arbeiten.
1 Trainer für 5 Leiharbeiter gleichzeitig: Die werkerführenden Anweisungen machen neue Mitarbeiter selbstständiger, und der Trainer kann nebenbei an der Montage einer Großmaschine mitarbeiten.
„Durch bessere Dokumentation sparen wir in der Einarbeitung bis zu 70 % an Aufwänden. Mittlerweile kann ein Vorarbeiter 5 Leiharbeiter gleichzeitig betreuen. Für uns ist Operations1 ein wichtiger Baustein, um uns beim Thema Fachkräftemangel zu stärken“, sagt Thomas Unmuth.
Die Akzeptanz auf dem Shopfloor ist hoch: Neue Anwender arbeiten innerhalb weniger Minuten mit der Software, das Feedback der Belegschaft ist positiv. Durch die Protokollierung der Montageschritte steht zudem eine lückenlose Dokumentation in Echtzeit zur Verfügung. Liebherr-Verzahntechnik profitiert außerdem von geringerem Aufwand im Dokumentenmanagement und von zentralisiertem Montagewissen, das allen internationalen Standorten in den benötigten Sprachen zur Verfügung steht.
„Wir können mit Operations1 standortunabhängig unsere Prozesse standardisieren. Das ist ein großer Treiber für unsere Effizienz und Qualität", sagt Martina Waldmann.
Aus dem Pilot ist längst mehr geworden. Operations1 ist fester Bestandteil der Montage- und Prüfprozesse und wird in mehreren Bereichen zur Schulung von eigenem Personal und Leiharbeitern eingesetzt, in nationalen und internationalen Niederlassungen ebenso wie bei externen Montagefirmen. Das Unternehmen kann dadurch flexibler auf externe Einflüsse reagieren.

Ausblick
Liebherr-Verzahntechnik rollt die Dokumentation sukzessive auf weitere Baugruppen und Maschinentypen aus. Zusätzlich wird Operations1 im Bereich Automatisierungstechnik eingeführt, und ein Pilot zur Anbindung an umliegende Systeme wie das ERP-System ist geplant.
„Mit Operations1 spart man Geld und hat einen Effizienzgewinn. Wir reden hier nicht nur von ‚Hauptsache digital', sondern es bringt uns in der Produktion enorm nach vorne", resümiert Thomas Unmuth.
Über Liebherr-Verzahntechnik
Die Liebherr-Verzahntechnik GmbH ist eine von 13 Produktsparten der familiengeführten Liebherr-Gruppe, die 1969 gegründet wurde. Das Unternehmen bietet ein umfangreiches Programm an Werkzeugmaschinen und Maschinenautomation für die industrielle Herstellung von Verzahnungen. Die Produkte kommen vor allem in der Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie, im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Windenergie zum Einsatz.
Liebherr-Verzahntechnik beschäftigt weltweit über 1.700 Mitarbeiter an sechs Produktionsstandorten. Hauptsitz und Produktion befinden sich in Kempten (Allgäu); weitere Produktionsstandorte liegen unter anderem in den USA, Brasilien, Indien und China. Charakteristisch für die Fertigung sind komplexe Großmaschinen mit individuellen Varianten, deren Endmontage teilweise an internationalen Standorten und bei externen Montagepartnern stattfindet.

